TEXTSAMMLUNG

das argument des monats
ausgabe: 10-12/04  oktober-dezember/2004 (und 01-03/05 januar-märz/2005)

das geld arbeitet - ein experiment.
Der versuch, den begriff: investor, analytisch zu beschreiben.

Die parole: das geld arbeitet, ist der cantus firmus des neoliberalen börsengeschwätzes - die theoretiker des neoliberalismus sagen es vornehmer: das kapital muss arbeiten. Für die einen eine maxime im gewinnstreben, für die anderen das eherne gesetz des marktes, von dem das heil kommen soll. Maxime oder gesetz, ganz wie's beliebt, die parole muss ihre wahrheit, das ist der glaubenssatz der moderne, im experiment bewähren. Also das experiment. Ich habe hier einen 10 Euro-schein, für manchen ist das schon ein vermögen, peanuts'chen für den herrn bankdirektor, aber eines ist unstreitig: es ist geld, das sowohl gemäss der theorie des kapitalismus als auch nach den vorschriften der neuen arbeitsmarktpolitik der regierung Schröder und anderer ein teil des kapitals ist, über das ein bürger verfügen kann; denn die geldnote ist nur der sichtbare teil des kapitals, das in den kontobüchern der banken mit einer bestimmten ziffer als saldo angezeigt wird. Die zahl des kontostandes ist nach dem prinzip der zahl: 1, nicht entscheidend, weil entscheidend ist, dass am ende hinten was raus kommt, so wie das ein herr in seiner kalkulierenden einfalt immer wieder gesagt hatte, der als bundeskanzler der BRD grooss sein wollte. Das geld ist da, es liegt bereit zum befehlsempfang; der befehl also lautet: arbeite, geld! - der befehl ist erteilt, und Ich werde mich jetzt an die arbeit machen. Ich werde versuchen zu beschreiben, in welcher rolle ein investor erscheint.

Allerorten wird nach dem investor gerufen - aber wer ist ein investor? Das wörterbuch gibt eine doppeldeutige aufklärung. Die tätigkeit des des investors ist das investieren, und investieren heisst einmal schlicht: kapital anlegen, dann aber auch, und das ist die geschichte des wortes, einkleiden, eine person mit kleidern versehen, damit es seine blössen bedecken kann. Schon in der bibel heisst es unter den barmherzigen taten: die nackten kleiden, die wechsler aber hatte Jesus, auch das steht in der bibel, aus dem tempel gejagt. Der gegensatz kann grösser kaum sein und dieser gegensatz ist nicht tauglich jenen begriff zu definieren, der mit dem terminus: investor, gekennzeichnet wird. Die regeln der logik schliessen die definition eines begriffs mit einem widerspruch aus. Der widerspruch liegt darin, dass der investor als wechsler (heute sagt man: banker) kapital investiert, das er wieder zurückhaben will und obendrein für seine zeitweilige hergabe auch noch einen zins verlangt, der investor als mitdenkender und mitfühlender genosse aber verschafft seinem mitbruder die benötigten kleider zum täglichen verbrauch und ist sich dessen gewiss, dass die kleidung nach ihrem gebrauch verbraucht sein wird und die hergabe bestenfalls mit einem dankeschön abgegolten werden wird. Beide leistungen, die im begriff: investor, vereinigt gedacht werden, kann der investor als person nicht zugleich erfüllen.

Wenn der investor seiner rolle gerecht werden will, die nackten zu kleiden, dann muss er darauf achten, dass er mit seinem investierten vermögen(1) das vorgesetzte ziel auch erreichen kann, dessen fundament jene gesellschaftlichen verhältnisse sind, in denen alle mitglieder der gesellschaft einen angemessenen platz finden und auch einnehmen können, der sie in die lage versetzt, die gesellschaft mitzugestalten. In dieser kalkulation des investors ist die rendite des kapitals kein bestimmendes moment(2), weil das objekt, das geschaffen werden soll, nicht mit der kategorie der kapitalrendite erfasst werden kann. Wenn eine kommune, um das geläufigste beispiel zu zitieren, ein wirtschaftsunternehmen animieren will, kapital zu investieren, dann muss es, wenn es die gesellschaftlichen und die ökonomischen ziele erreichen will, darauf achten, dass den menschen in der gemeinde dauerhafte arbeitsplätze verschafft werden, die die umwelt nicht stärker belasten als mit jeder veränderung verbunden ist, und die die funktionsfähigkeit der gesellschaft befördert. Es mag sein, dass Ich das verblichene bild des sorgenden hausvaters nostalgisch noch einmal male, aber Ich gebe zu bedenken, dass das alte bild nicht deshalb schlecht geworden ist, weil es alt und deswegen unmodern wirkt, sondern das alte bild wird falsch interpretiert, weil dem alten bild leistungen zugeordnet werden, die keine gesellschaft in ihrer struktur erfüllen kann. Jede gesellschaftliche ordnung ist in dauernde transformationsprozesse eingebunden; sie entwickelt sich beständig und diese transformationsprozesse können als wachstum gedeutet werden werden, aber dieses wachstum ist nicht linear nach dem prinzip der zahl: 1, organisiert, sondern nach dem prinzip der lebenszyklen, die sich beständig zu wiederholen scheinen. Wer als investor sein vermögen in dieser rolle investieren will, der gilt heute als unmodern, als blind für realitäten, die anders organisiert sind.

Dem investor in der rolle des wechslers ist es egal, welches objekt er mit seinem kapital anstossen will, entscheidend ist allein die rendite, die das eingesetzte kapital abwerfen soll. Nach dem prinzip der zahl: 1, indiziert die jeweils höchste ziffer die erfolgreichste investition, die kollateralschäden aber, die dieses investierte kapital in den gesellschaften bewirkt, sind nach den regeln des entfesselten marktes kosten, die den investor solange nicht kümmern, solange sein saldo positiv ist. Es ist systemimmanent, dass die börsen der globalen welt zu orten verkommen sind(3), an denen der ehrbare kaufmann dem strohmann gleichgestellt ist, der schmutzige dollars blank zu machen hat. Fieberkurven gleich sind die spekulationskurse der finanzplätze, an denen vordergründig noch mit waren gehandelt wird, faktisch aber nur optionen, erwartungen und ängste verschachert werden(4). Heuschrecken gleich zieht diese sorte von investitoren durch die lande, die, wenn das investitionsobjekt abgeschrieben und anderswo eine höhere rendite winkt(5), weiterziehen, unablässig auf der suche nach neuen kapitalanlagen, um immer das gleiche leere spiel zu wiederholen. Wer heute als investor etwas gelten will, der kann diesem spiel sich nicht entziehen.

Die entscheidenden rollen des investors habe Ich also analytisch abgehandelt, aber eine sache ist noch offen - das experiment mit dem Euroschein; richtig, da liegt er, wie der schatz des biblischen verwalters, der das anvertraute vergraben hatte. So sehr Ich den geldschein auch beäuge, nichts ist verändert, und seine aufgetragene arbeit? - nichts, einfach nichts!

Scheisse! was ist eigentlich richtig am kapitalismus?

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Anmerkungen:

(1) das vermögen eines menschen ist als kapital eine macht, die andere zu bewegen vermag, dinge zu tun, die unterblieben, wenn der andere die zwingenden gewalt nicht spürte, die einer geldnote als teil dieses vermögens immanent zu sein scheint, wenn sie als eine solche erfahren wird.  <--//

(2) es ist ein integrales moment des kapitals, dass das kapital, um als kapital bestand zu haben, zumindest sich selbst erhalten muss. Was auf der einen seite als notwendige kosten abfliesst, das muss auf lange sicht auf der anderen seite wieder als angestrebter nutzen zurückkehren, im idealfall ist es ein nullsummenspiel. Die rendite des kapitals ist aber das, was dem kapital als plus zufliesst und so dieses in seiner masse vergrössert. Aus dem begriff: kapital, ist die rendite nicht zwingend ableitbar, wohl aber wird sie in den diversen theorien, einschliesslich der marxschen kritik als notwendiges kriterium dem begriff: kapital, hinzugefügt. Allein das maass der rendite liegt im streit, und weil die gier des menschen nach immer mehr ohne grenze ist, wird die abwesende grenze zu dem problem, das die menschen mit dem kapital haben.    <--//

(3) äusserlich mögen sich die börsen der globalen welt von den marktplätzen der steinzeit unvergleichbar unterscheiden, in ihrer struktur aber sind sie identisch, und das herrschende prinzip des marktes war damals und ist heute nur der versuch, den anderen über's ohr zu hauen. Ich kann es mir vorstellen, dass der markt ein platz des sinnvollen austauschs der güter sein kann, die in alter weise verdinglichte arbeit der menschen gewesen waren, wie sie es in neuer weise verdinglichte arbeit der menschen geblieben sind, aber diese funktion des ehrlichen tausches ist nur dann möglich, wenn der markt strikten kontrollen unterworfen ist, der jeden tauschakt für die öffenlichkeit transparent macht, in dem er sich ereignet. Auf dem markt der steinzeit mögen die regeln noch einfach und daher für den einzelnen überschaubar gewesen sein, die regeln des austausches auf den heutigen finanzplätzen müssen komplexer ausgestaltet sein, aber die komplexität dieser regeln ist kein argument dafür, sie gänzlich abzuschaffen, wie das unter der parole: deregulierung, das erklärte ziel der neoliberalen ideologen ist.   <--//

(4) Cash im Casino, titelte der Spiegel in seiner ausgabe 37/2004, p.78-80.   <--//

(5) der skandal dieser praktiken ist, dass diese sorte von investionen für den investor nur dann sich rechnen, wenn die öffentliche hand das projekt mit subventionen päppelt. Und die öffentlich hand rechtfertigt solche investionen immer wieder mit der formel: die investion schaffe arbeitsplätze. Nach den erfahrungen der vergangenen 25 jahren müsste sich eigentlich die einsicht rumgesprochen haben, dass die versprechungen dieser investoren mit den realen fakten nicht zu vereinbaren sind. Statt zugesagter 1000 arbeitsplätze waren's am ende bestenfalls 10, und diese verschwanden auch wieder, wenn der investor seinen reibach gemacht hatte.  <--//
finis

stand: 04.10.21./05.04.15.

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