Das fragment des monats
ausgabe: (070)/70//2026/ fdm/26.070/ oktober/2026


Das soziale orientierungsjahr.
Das verhältnis von individuum und gruppe – gemeinwohl und individualität im wechselspiel.

    Aktuell wird über die reaktivierung der wehrpflicht gestritten(a). Das ist in der sache eine alte debatte, die schon die vorfahren in den initiationsriten real praktiziert hatten. Die kinder eines grösseren sozialverbandes mussten in die gemeinschaft der erwachsenen integriert werden. Zu diesem zweck waren die jugendlichen auf eine bestimmte zeit in gruppen zusammengefasst worden und wurden von den erfahrenen alten mit den regeln der gemeinschaft vertraut gemacht(b). Das soziale problem von damals ist heute in anderen formen weiter virulent und die frage ist, in welchen formen der transit vom kind/jugendlicher zum erwachsenen ausgestaltet werden soll und auszugestalten ist. Das problem des transits betrifft prima vista die jugendlichen, secunda vista aber ist der transit ein problem der modernen gesellschaft.

    In der neuen debatte werden verschiedene modelle vorgeschlagen und gegeneinander abgewogen(c). In der sache scheint man sich einig zu sein, die begründungen aber sind variabel. Verfassungsrechtlich ist die lage eindeutig. Es ist die pflicht des staates, geeignete maassnahmen zu entwickeln, mit denen der transit vom jugendlichen zum erwachsenen organisiert werden soll, der einerseits die freiheit des individuums wahrt und andererseits die erfordernisse des allgemeinen wohls sicherstellt. Der debatte will Ich ein weiteres modell hinzufügen, das das gleichgewicht von allgemeinem wohl und individualismus austarieren kann, zum nutzen aller, die es betrifft. Ich bezeichne das neue modell mit dem namen: soziales orientierungsjahr.

    Der kerngedanke ist, dass jeder heranwachsende, mädchen und junge ohne ausnahme, nach dem abschluss der schulausbildung, mit oder ohne abschluss, gemustert wird(d). Dieser check ist mit der information verknüpft, welche optionen dem jugendlichen offenstehen, wenn er sich auswählend für eine oder zwei optionen entscheiden soll. Keine der möglichen optionen kann dem jugendlichen aufoktroyiert werden. Die wahl hat der gemusterte, nicht der musternde staat. Die optionen müssen das gesamte feld der gesellschaftlichen wirklichkeit umfassen und sollen dem heranwachsenden ungefiltert das breite spektrum der sozialen wirklichkeit öffnen(e). Der staat, der den transit organisieren muss(f), ist verpflichtet im interesse des gemeinen wohls die bereiche zu benennen(g), die für die gesellschaft wichtig sind.

    Der heranwachsende im sozialen orientierungsjahr soll arbeiten(h) und für seine geleistete arbeit auch entlohnt werden, eine entlohnung, die dem gemeinen lebesstandard aller entspricht(i). Über die zu leistende arbeit und dem gerechten lohn dürfte der heranwachsende den besten einblick in die gesellschaftliche realität bekommen, in der er sich als erwachsener zu bewähren hat.

    In diesem allgemeinen rahmen(j) sind die aktuellen probleme um die allgemeine wehrpflicht und der dienst im sozialen jahr eingebettet(k). Im kern sollte gelten, dass die wehrpflicht mit dem sozialen orientierungsjahr erfüllt ist. Das problem der verteidigungsfähigkeit des landes durch eine ständige truppe und der aufbau einer reservistentruppe ist die aufgabe der laufenden politik und sollte die debatte um die konkrete ausgestaltung des sozialen orientiérungsjahres nicht belasten.

    Das soziale orientierungsjahr sollte nicht als last für den einzelnen begriffen werden, sondern gelebt werden als chance.
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(a)
die debatte um die neuauflage der wehrpflicht ist nur ein teilaspekt des problems. Der horizont der aktuellen debatte ist das spannungsverhältnis von gemeinwohl und partiellen interesssen in der gesellschaft.       (a)<==// 
(b)
die initiation ist ein altes phänomen gesellschaftlicher institutionen und nicht auf die religionen beschränkt(01).
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(01)   einen guten überblick gibt wikipedia, stichwort: initiation, dl.26.08.23.       (b)<==// 
(c)
partes pro toto: (der alte) zivildienst, freiwilliges soziales jahr. Diese modelle umfassen immer nur einen teilbereich der gesellschaft und sind nicht allgemein für alle verbindlich. Es dürfte zweckmässig sein, diese erfahrungen, kritisch geprüft, in teilen aufzugreifen und weiterzuentwickeln.       (c)<==//  
(d)
dieses vorgehen hat mit dem militärischen ritual nur den namen gemeinsam. Mein vorschlag zielt ab auf einen allgemeinen gesundheitscheck aller an der schwelle: kindheit/erwachsenendasein. Das mag prima vista als bürokratischer aufwand erscheinen, dürfte aber nützlich sein für das wissen um die gesellschaft als ganzes. Das datenproblem besteht, aber das schätze Ich ein als nachrangig, wenn mit den daten sorgfältig verfahren wird.       (d)<==// 
(e)
es ist klar, dass dies immer nur ein ausschnitt der sozialen realität sein kann, aber vor diesem problem stand und steht jeder, wenn er sich in die gesellschaft einordnen soll und einordnen will. Hier spielen traditionen eine gewichtige rolle, traditionen, die oft darauf angelegt sind, menschen entweder zu integrieren oder auszuschliessen. Hier kann das modell schnell an die grenzen des machbaren stossen.       (e)<==// 
(f)
dem staat obliegt die pflicht, das soziale orientierungsjahr zu organisieren und für die unabweislichen kosten aufzukommen. Ich denke, dass dies keine subvention ist, sondern eine investition in die zukunft, weil dem suchenden wege geöffnet werden, auf denen er die erfahrungen sammeln kann, die notwendig sind, ihn vor einer späteren falschen, weil kostspieligen entscheidung zu schützen. Das rechtzeitige scheitern kann das fundament sein für den späteren erfolg.       (f)<==// 
(g)
das ist vor allem der soziale bereich, aber alle anderen bereiche der sozialen wirklichkeit sollen nicht ausgeschlossen sein. Auch diese bereiche sind ein ort, in dem der heranwachsende erfahrungen machen kann, die bestimmend sind für seinen weiteren lebensweg.       (g)<==//  
(h)
Ich lege nicht den traditionalen arbeitsbegriff zugrunde, der der schlüssel zur allgemeinen ausbeutung der menschen durch den menschen ist - damals und heute. Arbeit ist das konstitutive moment, mit dem das individuum, das das ich sein will, sich als ich bestimmen kann. In der idee der autonomie des ich ist impliziert, dass die arbeit, die ein moment der lebenstätigkeit des menschen ist, selbstbestimmt sein muss, eine festlegung, die ein gegensatz ist zu der allgemein gültigen fremdbestimmung des menschen(01). Der freie mensch kann wählen, was er arbeiten will, die arbeit wählend, durch die er sich selbst als mensch ausweisen kann.
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(01) diese vorstellung hat ihre wurzel in der biblischen erzählung, als der schöpfergott die sünder: Adam und Eva, aus dem paradies vertrieb.       (h)<==//  
(i)
die finanzierung des allgemeinen sozialen orientierungsjahrs ist ein heikler grund, aber die faktischen kosten im augenblicklichen moment dürften überschaubar bleiben, wenn die arbeitgeber an den kosten beteiligt werden, weil sie es sind, die aus der arbeit der pflichtigen einen unnmittelbaren nutzen ziehen können(=produktivitätsanteil).       (i)<==// 
(j)
diese überlegungen sind eine skizze und noch kein ausgearbeiteter plan. Dafür sind mittel erforderlich, über die Ich nicht verfügen kann und die von der gesellschaft und dem staat als institution beigesteuert werden müssen. Es wäre den versuch wert, sich im grossen zu bewähren, statt in den kleinigkeiten sich zu verzetteln.       (j)<==// 
(k)
die aktuelle diskussion wird verquer geführt. Die allgemeine wehrpflicht ist aufgabe aller, der jungen und der mädchen. Dass diese gleichstellung in der verfassung noch nicht kodefiziert ist, ist ein faktum, das im horizont der gleichheitsdebatte zu ändern ist.       (k)<==//      
finis


eingestellt: 26.10.01.
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