Das soziale orientierungsjahr.
Das verhältnis von individuum und gruppe – gemeinwohl und individualität im wechselspiel.
Aktuell wird über die reaktivierung der wehrpflicht gestritten
(a).
Das ist in der sache eine alte debatte, die schon die vorfahren in den
initiationsriten real praktiziert hatten. Die kinder eines grösseren
sozialverbandes mussten in die gemeinschaft der erwachsenen integriert
werden. Zu diesem zweck waren die jugendlichen auf eine bestimmte zeit
in gruppen zusammengefasst worden und wurden von den erfahrenen alten
mit den regeln der gemeinschaft vertraut gemacht
(b).
Das soziale problem von damals ist heute in anderen formen weiter
virulent und die frage ist, in welchen formen der transit vom
kind/jugendlicher zum erwachsenen ausgestaltet werden soll und
auszugestalten ist. Das problem des transits betrifft prima vista die
jugendlichen, secunda vista aber ist der transit ein problem der
modernen gesellschaft.
In der neuen debatte werden verschiedene modelle vorgeschlagen und gegeneinander abgewogen
(c).
In der sache scheint man sich einig zu sein, die begründungen aber sind
variabel. Verfassungsrechtlich ist die lage eindeutig. Es ist die
pflicht des staates, geeignete maassnahmen zu entwickeln, mit denen der
transit vom jugendlichen zum erwachsenen organisiert werden soll, der
einerseits die freiheit des individuums wahrt und andererseits die
erfordernisse des allgemeinen wohls sicherstellt. Der debatte will Ich
ein weiteres modell hinzufügen, das das gleichgewicht von allgemeinem
wohl und individualismus austarieren kann, zum nutzen aller, die es
betrifft. Ich bezeichne das neue modell mit dem namen: soziales
orientierungsjahr.
Der kerngedanke ist, dass jeder heranwachsende,
mädchen und junge ohne ausnahme, nach dem abschluss der
schulausbildung, mit oder ohne abschluss, gemustert wird
(d).
Dieser check ist mit der information verknüpft, welche optionen dem
jugendlichen offenstehen, wenn er sich auswählend für eine oder zwei
optionen entscheiden soll. Keine der möglichen optionen kann dem
jugendlichen aufoktroyiert werden. Die wahl hat der gemusterte, nicht
der musternde staat. Die optionen müssen das gesamte feld der
gesellschaftlichen wirklichkeit umfassen und sollen dem heranwachsenden
ungefiltert das breite spektrum der sozialen wirklichkeit öffnen
(e). Der staat, der den transit organisieren muss
(f), ist verpflichtet im interesse des gemeinen wohls die bereiche zu benennen
(g), die für die gesellschaft wichtig sind.
Der heranwachsende im sozialen orientierungsjahr soll arbeiten
(h) und für seine geleistete arbeit auch entlohnt werden, eine entlohnung, die dem gemeinen lebesstandard aller entspricht
(i).
Über die zu leistende arbeit und dem gerechten lohn dürfte der
heranwachsende den besten einblick in die gesellschaftliche realität
bekommen, in der er sich als erwachsener zu bewähren hat.
In diesem allgemeinen rahmen
(j) sind die aktuellen probleme um die allgemeine wehrpflicht und der dienst im sozialen jahr eingebettet
(k).
Im kern sollte gelten, dass die wehrpflicht mit dem sozialen
orientierungsjahr erfüllt ist. Das problem der verteidigungsfähigkeit
des landes durch eine ständige truppe und der aufbau einer
reservistentruppe ist die aufgabe der laufenden politik und sollte die
debatte um die konkrete ausgestaltung des sozialen orientiérungsjahres
nicht belasten.
Das soziale orientierungsjahr sollte nicht als last
für den einzelnen begriffen werden, sondern gelebt werden als chance.
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(a)
die debatte um die neuauflage der
wehrpflicht ist nur ein teilaspekt des problems. Der horizont der
aktuellen debatte ist das spannungsverhältnis von gemeinwohl und
partiellen interesssen in der gesellschaft.
(a)<==//
(b)
die initiation ist ein altes phänomen gesellschaftlicher institutionen und nicht auf die religionen beschränkt(01).
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(01) einen guten überblick gibt wikipedia, stichwort: initiation, dl.26.08.23.
(b)<==//
(c)
partes pro toto: (der alte)
zivildienst, freiwilliges soziales jahr. Diese modelle umfassen immer
nur einen teilbereich der gesellschaft und sind nicht allgemein für
alle verbindlich. Es dürfte zweckmässig sein, diese erfahrungen,
kritisch geprüft, in teilen aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
(c)<==//
(d)
dieses vorgehen hat mit dem
militärischen ritual nur den namen gemeinsam. Mein vorschlag zielt ab
auf einen allgemeinen gesundheitscheck aller an der schwelle:
kindheit/erwachsenendasein. Das mag prima vista als bürokratischer
aufwand erscheinen, dürfte aber nützlich sein für das wissen um die
gesellschaft als ganzes. Das datenproblem besteht, aber das schätze Ich
ein als nachrangig, wenn mit den daten sorgfältig verfahren wird.
(d)<==//
(e)
es ist klar, dass dies immer nur ein
ausschnitt der sozialen realität sein kann, aber vor diesem problem
stand und steht jeder, wenn er sich in die gesellschaft einordnen soll
und einordnen will. Hier spielen traditionen eine gewichtige rolle,
traditionen, die oft darauf angelegt sind, menschen entweder zu
integrieren oder auszuschliessen. Hier kann das modell schnell an die
grenzen des machbaren stossen.
(e)<==//
(f)
dem staat obliegt die pflicht, das
soziale orientierungsjahr zu organisieren und für die unabweislichen
kosten aufzukommen. Ich denke, dass dies keine subvention ist, sondern
eine investition in die zukunft, weil dem suchenden wege geöffnet
werden, auf denen er die erfahrungen sammeln kann, die notwendig sind,
ihn vor einer späteren falschen, weil kostspieligen entscheidung zu
schützen. Das rechtzeitige scheitern kann das fundament sein für den
späteren erfolg.
(f)<==//
(g)
das ist vor allem der soziale bereich,
aber alle anderen bereiche der sozialen wirklichkeit sollen nicht
ausgeschlossen sein. Auch diese bereiche sind ein ort, in dem der
heranwachsende erfahrungen machen kann, die bestimmend sind für seinen
weiteren lebensweg.
(g)<==//
(h)
Ich lege nicht den traditionalen
arbeitsbegriff zugrunde, der der schlüssel zur allgemeinen ausbeutung
der menschen durch den menschen ist - damals und heute. Arbeit ist das
konstitutive moment, mit dem das individuum, das das ich sein will,
sich als ich bestimmen kann. In der idee der autonomie des ich ist
impliziert, dass die arbeit, die ein moment der lebenstätigkeit des
menschen ist, selbstbestimmt sein muss, eine festlegung, die ein
gegensatz ist zu der allgemein gültigen fremdbestimmung des
menschen(01). Der freie mensch kann wählen, was er arbeiten will, die
arbeit wählend, durch die er sich selbst als mensch ausweisen kann.
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(01) diese vorstellung hat ihre wurzel in der biblischen erzählung, als
der schöpfergott die sünder: Adam und Eva, aus dem paradies
vertrieb.
(h)<==//
(i)
die finanzierung des allgemeinen
sozialen orientierungsjahrs ist ein heikler grund, aber die faktischen
kosten im augenblicklichen moment dürften überschaubar bleiben, wenn
die arbeitgeber an den kosten beteiligt werden, weil sie es sind, die
aus der arbeit der pflichtigen einen unnmittelbaren nutzen ziehen
können(=produktivitätsanteil).
(i)<==//
(j)
diese überlegungen sind eine skizze und
noch kein ausgearbeiteter plan. Dafür sind mittel erforderlich, über
die Ich nicht verfügen kann und die von der gesellschaft und dem staat
als institution beigesteuert werden müssen. Es wäre den versuch wert,
sich im grossen zu bewähren, statt in den kleinigkeiten sich zu
verzetteln.
(j)<==//
(k)
die aktuelle diskussion wird verquer
geführt. Die allgemeine wehrpflicht ist aufgabe aller, der jungen und
der mädchen. Dass diese gleichstellung in der verfassung noch nicht
kodefiziert ist, ist ein faktum, das im horizont der gleichheitsdebatte
zu ändern ist.
(k)<==//
finis